Vogelperspektive – Neue Perspektiven für das Lagebewusstsein der Besatzung von Gefechtsfahrzeugen
24.07.2018

Vogelperspektive – Neue Perspektiven für das Lagebewusstsein der Besatzung von Gefechtsfahrzeugen


Jeder Computerspieler kennt die Situation - in Renn- oder Gefechtssimulationen ist die Vogelperspektive die favorisierte Ansicht mit einem deutlich besseren Überblick als z.B. die Cockpitperspektive. Auch Kommandanten von Gefechtsfahrzeugen haben dies seit mehreren Jahrzehnten erkannt und wissen, dass der Blick „über Luke“ für das Lagebewusstsein deutlich besser ist als die eingeschränkte Sicht „unter Luke“.

Diesen Blick aus der Luke bezahlte schon manch ein Kommandant mit seinem Leben, daher versuchen Streitkräfte seit jeher, mit technischen Hilfsmitteln das Lagebewusstsein von Fahrzeugbesatzungen rund um das Fahrzeug zu erhöhen ohne den Panzerschutz aufgeben zu müssen. Ausgeklügelte Optroniksysteme lösten einen Teil der Probleme aufgrund der eingeschränkten Sicht, beschränkten sich aber auf die Außensichtperspektive aus dem Fahrzeug. Den Blick um die Ecke, hinter die Deckung oder über die nächste Kuppe konnten auch diese nicht liefern.

Drohnen

Mit dem Einzug von Klein- und Kleinstdrohnen auf dem Gefechtsfeld stellten sich Konzeptionären der Streitkräfte und Industrie die Frage, ob solche Multicopter dazu genutzt werden können, einer Panzerbesatzung zusätzliche Perspektiven zu liefern und so deren Situations- und Lagebewusstsein in der unmittelbaren Umgebung zu verbessern.

Was sich einfach anhört und in begrenzten Testumgebungen auch teilweise realisiert werden konnte, scheiterte in der Praxis an mehreren technischen Hürden. So ein System erreicht seinen richtigen Nutzen erst wirklich, wenn es in das Gefechtsfahrzeug integriert wird. Dazu muss es in der Lage sein, auch aus der Bewegung heraus zu starten und zu landen. Es muss weiterhin in der Lage sein, auch auf einem „umkämpften und gestörten Gefechtsfeld“ funktionssicher betrieben zu werden.

Unter anderem diese beiden Punkte stellen die große Herausforderung dar. Wie soll eine Drohne zweckmäßig gesteuert werden, wenn keine verlässliche Verbindung zur Drohne aufgebaut werden kann, da bordeigene leistungsfähige Funkgeräte und Störer oder feindliche EloKa diese Verbindung andauernd unterbrechen? Daneben brauchen die derzeit im Einsatz befindlichen Drohnen für Start und Landung eine stabile und ausnivellierte Plattform. Beides ist beim Einsatz eines Gefechtsfahrzeuges in Bewegung nicht verfügbar. Die Realisierung solcher Konzepte benötigte also Zeit.

Realisierung als Nebeneffekt schweizerisch – dänischer Industriekooperation

Als Dänemark sich im Zuge der Modernisierung der eigenen Streitkräfte für den Piranha V von General Dynamics European Land Systems-Mowag (GDELS) aus der Schweiz entschieden hatte, wurde eine umfassende Beteiligung der dänischen Industrie vereinbart. Eine der Beteiligungen ist die Kooperation von GDELS mit dem dänischen Drohnenspezialisten Sky Watch und dem Experten für resiliente drahtlose Datenkommunikation Reseiwe A/S.

Nach Aussagen von Michael Messerschmidt, dem Chief Business Development Officer von Sky Watch, wird die Vision einer fahrzeugintegrierten Drohne baldige Realität. Sky Watch strebt an, die auf der Eurosatory 2018 vorgestellte Lösung bereits 2019 als marktreifes Produkt anbieten zu können. Dieses wird Messerschmidts Angaben zufolge von der Fahrzeugbesatzung auch während der Fahrt gestartet, bedient und gelandet werden können.

Die Drohne wird in das Battle Management System von GDELS integriert. Dies ermöglicht den Informationsaustausch zwischen Drohne und Fahrzeugbesatzung. Denkbar wäre ein Einsatzszenario, in dem die Drohne den Weg voraus erkundet oder dem Kraftfahrer und Kommandanten einen Überblick von oben verschafft. Da die Stehzeit von Multicopter-Drohnen derzeit Akku bedingt bei ca. 30 Minuten liegt, können entweder mehrere Drohnen eines Fahrzeuges oder Drohnen mehrerer Fahrzeuge einer Kolonne im Schwarm für ein erweitertes Lagebild sorgen. Die Steuerung der Drohne erfolgt unmittelbar von einem Bediener oder auch teilautonom, etwa durch vorprogrammierte Wegstrecken. In Stresssituationen, in denen sich der Bediener auf andere Aufgaben konzentrieren muss, folgt die Drohne mittels „Follow“- Funktion automatisch dem Fahrzeug.

Workshare

GDELS übernimmt sowohl die physische Integration der Drohne in die Gefechtsfahrzeuge als auch die Einbindung in das BMS. Sky-Watch steuert sein Know-How in der Herstellung von Drohnen bei, die in der Lage sind, auch bei harschen Umweltbedingungen und dynamischen Situationen zuverlässig operieren können. Um die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Drohne zuverlässig aufbauen und halten zu können, kommt die patentierte ReWiLink Technologie von Reseiwe zum Einsatz.

Die Drohnensteuerung erfolgt auf W-LAN Basis. Diese digitale Kommunikationsform leidet unter ungünstigen Umgebungsbedingungen unter abrupten Verbindungsabrissen, so dass Daten entweder ganz oder gar nicht fließen können. ReWiLink ist in der Lage, die Verbindung zu stabilisieren und einen Datenfluss auch in „extremen“ Situationen zu ermöglichen. Ähnlich wie bei analoger Kommunikation sinkt zwar die Verbindungsqualität, aber sie reißt nicht ab. Unterm Strich wird die Verbindungsqualität um den Faktor Zwei verbessert. Die Implementierung erfolgt rein softwarebasiert, eine Änderung der Hardware ist nicht notwendig.

Mit der Drohne und dem patentierten Link zum Fahrzeug könnte das dänisch-schweizerische Trio somit endlich das Ziel aller Fahrzeugkommandanten erreichen: Die Bereitstellung einer Vogelperspektive für die Verbesserung des Lagebewusstseins der aufgesessenen Soldaten. Der Blick „über Luke“ wäre somit Geschichte, der Blick „um die Ecke“ Realität.

Waldemar Geiger


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