Mortar Systems Conference in Bristol
08.03.2017

Mortar Systems Conference in Bristol


Fallschirmmörserzug 31

Sparzwänge und Ausrichtung auf Stabilisierungsoperationen haben bei vielen NATO-Streitkräften zu einem massiven Abbau der Feuerunterstützungsfähigkeit geführt. Mörser- und Artilleriekräfte wurden stark abgebaut bzw. komplett abgeschafft. Die Vorträge der Konzeptionsverantwortlichen für Mörser der US Streitkräfte und mehrerer europäischer Nationen auf der Mortar Systems Conference in Bristol (28. Februar bis 01. März 2017) haben verdeutlicht, dass die stiefmütterliche Behandlung der Feuerunterstützung sich im Zusammenhang mit der NATO-Bündnisverteidigung nun bitterlich rächt. Unisono alle Nationen haben dies erkannt und müssen nun erhebliche Anstrengungen unternehmen, die abgebauten Fähigkeiten wiederzuerlangen und die bestehenden Strukturen gegen die Gefahren der „neuen/alten Bedrohung“ zu wappnen.
Themen der Vorträge aus Streitkräften und Industrie waren u.a. das neue Bedrohungsszenario sowie die Aspekte der Modernisierung der Ausrüstung und Ausbildung der Mörserzüge mit den dafür notwendigen Anpassungen für die Feuerunterstützung durch Mörser.


Aktuelles Szenario

Der zuständige Offizier für die Mörser in den dänischen Streitkräften, hat es mit seinem Vortrag sehr schön subsummiert: Die westlichen Streitkräfte haben sich seit Jahren auf Gegner konzentriert, welche mit Flip-Flops und Kalaschnikow ausgerüstet im Drogenrausch ins Gefecht ziehen. Als Feuerunterstützer ist man bequem geworden, man hat sich im Lager oder einem Combat Outpost (COP) eingegraben und „gemütlich“ einen Feuerauftrag nach dem anderen, wenn notwendig auch unter Zuhilfenahme von ziviler Kommunikationsstruktur, abgearbeitet. 
Die Lehren aus der Ukraine Krise machen es aber sehr deutlich, neben der weiterhin existierenden 360°-Bedrohung auf dem asymmetrischen Gefechtsfeld einer Stabilisierungsoperation müssen sich die Streitkräfte von heute auch auf einen potentiellen Gegner einstellen, der die letzten Jahrzehnte dazu genutzt hat, seine Fähigkeiten auf dem Gebiet des elektronischen Kampfes und der Koordinierung von Feuerunterstützung massiv auszubauen. Ein solcher Gegner versteht es, die Kommunikationsbemühungen seines Gegenübers stark zu stören bzw. komplett lahmzulegen. Die Kämpfe in der Ukraine haben weiterhin gezeigt, dass dieser Gegner sehr gut Abschüsse der gegnerischen Artillerie und Mörser orten und in kürzester Zeit mit seiner eigenen Feuerunterstützung beantworten kann.


Ausbildung und Struktur

Das beschriebene Szenario klingt auf den ersten Blick sehr bedrohlich und ist es tatsächlich auch, wenn unsere und die verbündeten Streitkräfte keine Lehren daraus ziehen. Einhellige Meinung auf der Konferenz war, dass das Rad in diesem Fall nicht neu erfunden werden muss, es müsse sich nur an bereits zu Zeiten des Kalten Krieges erdachte Lösungen erinnert werden. Diese müssten dann nur für die heutigen Erfordernisse weiterentwickelt und angepasst werden. Aspekte wie Auflockerung, sowie Feuer und Bewegung im Gefecht wären alleine durch Umstellung der Ausbildung und Einsatzgrundsätze relativ schnell umsetzbar und würden zu einer deutlich höheren Überlebensfähigkeit der Kräfte auf dem Gefechtsfeld führen. Aus Sicht der Risikobegrenzung ist die Zielvorgabe mehrerer Streitkräfte an ihre Feuerunterstützung die Feuerstellung spätestens drei Minuten nach dem ersten Abschuss zu verlassen.
Weiterhin wurde allgemein für eine Rückbesinnung auf bewährte, aber vernachlässigte, Fähigkeiten plädiert. Die Navigation mittels Karte und Kompass, die Feuerleitung mittels Kommandogeber (Computerunabhängige, analoge Rechenhilfe für die Feuerleittrupps) und die Kommunikation mit Drahtverbindungen und Meldern, waren nur einige wenige Punkte, die angesprochen wurden. Wenn auch digitale Fähigkeiten unbedingt gegen Störungen gehärtet werden müssten, seien analoge Redundanzen für jede digitale Fähigkeit zwingend erforderlich. 
Hier hat auch die Bundeswehr einiges aufzuholen. Die Auftragstaktik, welche in Falle eines Kommunikationsabrisses Garant für die weitere Auftragserfüllung war, muss wieder deutlich stärker gefordert, aber auch durch die vorgesetzten Stellen zugelassen werden. Der Bau von Feldverkabelungen und der Einsatz von Kradmeldern, welcher die Bundeswehr sich erst in der letzten Reform quasi vollständig entledigt hat, sollten wieder reaktiviert werden.
Hier sind die US-Streitkräfte und die skandinavischen Länder einen Schritt weiter. Abgeschaffte Fähigkeiten (Artillerie und Kabelkommunikation) werden bspw. im Falle der dänischen Streitkräfte wieder mühsam aufgebaut. Ausfall und Störung von Kommunikations- und Navigationsnetzen werden fester Bestandteil der Übungen der U.S. Army. Feuereinheiten, welche sich in Übungen zu lange an einem Fleck aufhalten, werden durch die Leitungsorganisationen aus dem Verkehr genommen und stehen für den taktischen Einsatz nicht mehr zur Verfügung. Verbandsführer der Kampftruppe können die Feuerunterstützung, egal ob vom Boden oder aus der Luft (Gefahr der feindlichen Luftabwehr), nicht mehr als ständig gegeben annehmen, sondern müssen den Einsatz der Feuerunterstützung in ihrer Planung und Führung des Gefechtes viel stärker berücksichtigen.


Ausrüstung

Neben den Hausaufgaben, die durch die eigenen Streitkräfte gemacht werden müssten, wurden auch Forderungen an die Industrie formuliert. Auch hier sind die vergleichsweise finanzkräftigen US-Streitkräfte federführend. Die gehaltenen Vorträge erlaubten einen Einblick in den notwendigen Bedarf von Weiterentwicklung des Mörsers aus Sicht der U.S. Army, um diese auf die Erfordernisse der modernen Gefechtsführung anzupassen. Geringere Kräfteansätze müssen in größeren Operationsräume wirken können. Daher muss sowohl Mobilität als auch Wirkungsreichweite (> 15 km) dieser Kräfte gesteigert werden. 
Die Mobilitätssteigerung soll mittels Automatisierung der Mörsersysteme, sowie einer Gewichtsreduzierung der Mörsersysteme (Waffenanlage und Munition) für die abgesessen operierenden Kräfte erreicht werden. Reichweitensteigerungen über die 15 km Marke hinaus sind notwendig, um die Feuerunterstützung auch über größere Distanzen sicherstellen zu können. Mit der Distanz nimmt auch die Präzision der Mörser ab. Eine Eigenpräzision von zwei Strich (Leistungswert aktueller Systeme) bedeutet eine Ablage von zwei Metern bei einer Distanz von 1.000 m. Bei einer Distanz von 15 km bedeutet dies eine Ablage von 30 m. Dieser Wert ist sowohl unter dem Aspekt von „winning of hearts and minds“ in COIN-Operations (Counterinsurgency), als auch unter dem Gesichtspunkt der Härtungsbemühungen der gegnerischen Kräfte (Erhöhung des Schutzniveau durch Ausrüstung und Stellungsbau) unzureichend.
Als Lösungsansatz wird an der gelenkten HEGM-Patrone (High Explosive Guided Mortar) gearbeitet. Diese soll sowohl über eine weiterentwickeltes Antriebssystem, als auch über ein Lenk- und Navigationssystem verfügen, welches in der Lage sein soll, auch auf 15 km Entfernung eine Genauigkeit von ein bis maximal zehn Metern zu erzielen. Somit können mehrere Effekte gleichzeitig erzielt werden. Die Wirkung der Sprengpatrone wird somit mittels Präzision gesteigert, da diese nicht in der Nähe, sondern genau im Ziel einschlägt. Ersttreffer werden nicht zur Ausnahme, sondern sollen zur Regel werden. Kollateralschäden werden durch die geringere Streuung und das unnötig gewordene Einschießen minimiert. Es könnten unter Umständen sogar neue Wirkungsforderungen, die Bekämpfung von Gefechtsfahrzeugen und sich in Bewegung befindlichen Kräften, durch diese Patrone bedient werden können.
Die Notwendigkeit für solche „artillerienahen“ Forderungen für den Mörser werden unter anderem dadurch begründet, dass die eigene Artillerie in einem solchen Szenario nur begrenzt für die Feuerunterstützung der Kampftruppen zur Verfügung steht, da diese selbst den Feuerkampf gegen die gegnerische Artillerie führt.


Ausblick

Die Komplexität und Menge der Anforderungen an Mörsersysteme auf dem modernen Gefechtsfeld lassen sich theoretisch durch zwei unterschiedliche Ansätze lösen. Die erste Möglichkeit wäre ein hoch komplexes Mörsersystem, das sowohl abgesessen als auch in Fahrzeugen zum Einsatz kommen kann. Die Munition müsste sowohl günstig genug sein, um mit dieser auch längere Feuerkommandos zum Niederhalten des Gegners schießen zu können, aber auch intelligent genug sein, um Punktziele im urbanen Umfeld auf Entfernungen jenseits der 15 km bekämpfen zu können. Weiterhin müssen diese robust gegen Störungsbemühungen des Gegners sein und eine hohe Widerstandsfähigkeit gegen Abnutzung und Schäden aufweisen, um mit hoher Durchhaltefähigkeit möglichst lange als Wirkmittel nutzbar zu bleiben. Ein solches System wäre sicherlich nicht kurz- oder mittelfristig realisierbar.
Daher bleibt wohl der Weg des System-Mixes der realistischere. Auch wenn dieser einen größeren logistischen Aufwand aufweist, ist er der praktikablere. Eine Mischung aus tragbaren Mörsern für abgesessene Infanterie und integrierten Mörsern in geschützten Gefechtsfahrzeugen ist heute schon praktisch umsetzbar und wird in vielen Nationen bereits genutzt. Eine Mischung aus einer großen Anzahl von einfachen, ungelenkten Mörserpatronen mit optimierter Wirkung und einer geringeren Anzahl von intelligenten, gelenkten Patronen scheint ein wirtschaftlicherer und risikoärmerer Ansatz zu sein. 
Daher ergeben sich auch für die Bundeswehr Ansätze zu prüfen ob neben der Verlängerung der Nutzungsdauer des 120-mm-Mörsers und der Zusatzausstattung mit dem 60-mm-Mörser noch weitere Modernisierungsbemühungen für die Mörserzüge der Infanterie notwendig sind.

Autor: Waldemar Geiger


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