Exklusiv: Überlagerte Mörsermunition wird zur Gefahr - Fehlzündung beim Übungsschießen in Wildflecken
08.06.2018

Exklusiv: Überlagerte Mörsermunition wird zur Gefahr - Fehlzündung beim Übungsschießen in Wildflecken


Kurzschuss Mörser DM61

Das Problem ist der Bundeswehr seit Jahren bekannt: Die für die 120-mm-Mörser des Heeres heute noch verwendete Munition stammt zum Großteil aus den 1980er und frühen 1990er Jahren. Die Treib- und Grundladungen sind überaltert, es besteht das Risiko von Fehlfunktionen. Genau das war vermutlich Ursache eines Zwischenfalls am Freitag, dem 25. Mai, auf dem Truppenübungsplatz Wildflecken.

Beim Übungsschießen mit Sprengmunition entzündete sich die Treibladung einer Patrone überhaupt nicht, wie aus einem im Netz verbreiteten Video hervorgeht. Lediglich die Anzündladung für die eigentliche Treibladung – auch als Grundladung bezeichnet – zündete und führte zum einem extremen Kurzschuss: Die Granate plumpste im Zeitlupentempo aus dem Rohr und fiel dem vor dem Mörser stehenden Ladeschützen auf den Rücken. Zum Glück für die umstehenden Soldaten löste der korrekt funktionierende Zünder die Granate nicht aus – 50 Meter um die Detonationsstelle einer 120-mm-Patrone gelten als tödliche Zone.

Das Bundeswehr-Beschaffungsamt BAAINBw bestätigte, dass es im Rahmen eines Übungsschießens auf dem Truppenübungsplatz Wildflecken in der 22. Kalenderwoche zu „Auffälligkeiten mit der Mörserpatrone 120mm DM61 – einer Sprengpatrone mit Annährungszünder -  gekommen“ sei, nannte aber keine Details. Wie Insider berichten, soll beim gleichen Schießen auch eine große Zahl von Patronen zu früh in der Luft explodiert sein. Derartige Luftdetonationen deuten darauf hin, dass die Sicherungen der Patronen nicht funktionssicher gearbeitet haben.

Ob die Fehlfunktion beim Abschuss der Patrone tatsächlich auf die Überlagerung des Treibmittels zurückzuführen ist, kann im Augenblick nicht mit Sicherheit gesagt werden. Laut BAAINBw wird der Vorfall noch untersucht. „Es liegen noch keine gesicherten Erkenntnisse vor“, schreibt die Behörde. Fachleute halten es jedoch für sehr wahrscheinlich, dass die Treibladung ursächlich für das Versagen war.

Auch die Bundeswehr hat offenbar schon seit einiger Zeit gewisse Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, um Risiken mit der Munition zu verringern. Insider berichten darüber, dass seit mehreren Jahren die eigene Truppe mit den alten 120mm-Patronen nicht mehr überschossen werden darf. Auch die Verwendung der Treibladungen ist demnach reglementiert: Weder die volle noch die niedrigste Zahl an Treibladungen darf genutzt werden. Nach dem Vorfall in Wildflecken wurde die betroffene Munition (DM 61) bis auf weiteres komplett gesperrt. Wie es heißt, besteht Gefahr für Leib und Leben.

Nach Angaben des BAAINBw werden zwei Munitionsgenerationen in der Bundeswehr verwendet. Die Munition alter Art wurde demnach in den Jahren 1988 bis 1991 hergestellt und wird für Ausbildungszwecke eingesetzt. Die neue Munition wurde in den Jahren 2008 bis 2010 beschafft und stehe für die Einsätze zur Verfügung. Der nun aufgetretene Vorfall betrifft die alte Munition. Wie ESuT erfahren hat, sollen von Munition jüngeren Datums nur geringe Mengen gekauft worden sein.

Schleppende Beschaffung

Nach unseren Informationen läuft schon seit fast einer halben Dekade ein Projekt zum Austausch von Treibmittel und Grundladung für die eingelagerte Munition alter Art – bislang nur ohne erkennbare Ergebnisse. Im Dezember vergangenen Jahres sollen interessierte Anbieter für die Modernisierung der Munition erneut zum Teilnahmewettbewerb aufgefordert worden sein. In der Regel wird dieser Schritt, der vor der eigentlichen Ausschreibung erfolgt, in wenigen Wochen abgeschlossen. Aktuell warten die Interessenten jedoch noch auf Rückmeldung aus dem Bundeswehr-Beschaffungsamt, wie es heißt.

Dabei handelt es sich bereits um den zweiten Ausschreibungsversuch. Der erste Anlauf erfolgte gut informierten Kreisen zufolge im Jahr 2016. Damals sollen drei Hersteller in die engere Wahl gekommen sein. Angeblich sollte ein deutsch-israelisches Konsortium den Zuschlag erhalten. Das rügte allerdings mindestens einer der beiden Wettbewerber, wie es aus Industriekreisen heißt. Das BAAINBw wies die Rüge offenbar nicht ab, sondern zog stattdessen die Ausschreibung zurück und startete den Prozess im vergangenen Jahr erneut.

Wie aus dem Amt zu hören ist, ist eine Umrüstung der alten Munition mit Beginn der Maßnahmen in diesem Jahr geplant. „Abhängig von den Untersuchungsergebnissen zum jetzigen Vorfall“ müsse diese Maßnahme jedoch gegebenenfalls neu bewertet werden.

Grundsätzlich halten Fachleute den Austausch der Treibladungen für sinnvoll und deutlich billiger als die Beschaffung neuer Munition. Es muss nur gewährleistet werden, dass nach dem Tausch von Grund- und Treibladung die gleichen Leistungsdaten der Munition erreicht werden, um weitere teure Anpassungen bei der Feuerleitung zu vermeiden. Durch die gegenwärtigen Verzögerungen wird es jedoch immer fraglicher, ob die umgerüstete Munition noch - wie ursprünglich geplant - im Jahr 2020 zulaufen kann, um noch rechtzeitig für die Nutzung im Rahmen der VJTF zur Verfügung zu stehen. 

Neben dem Kurzschuss an sich ist ein weiterer Aspekt interessant. Wie in dem Video zu sehen ist, tragen die betroffenen Soldaten eine Feldmütze anstatt eines Helmes. Aufgrund einer EU-Verordnung müssen die Soldaten beim Mörserschießen offenbar aus Lärmschutzgründen einen doppelten Gehörschutz tragen. Dies ist in Verbindung mit dem Standard-Gefechtshelm beziehungsweise dem Springerhelm der Bundeswehr nicht möglich. Wie es aus gut informierten Kreisen heißt, wurde die zentrale Beschaffung eines geeigneten Helmes jedoch versäumt. Deshalb müssen die Soldaten seit mehreren Jahren mit einer Mütze auskommen.

Welchen Schaden selbst kleine Mörser anrichten können, zeigt ein Beispiel aus den Niederlanden. Im Jahr 2016 waren zwei niederländische Soldaten getötet und ein dritter schwer verletzt worden, als sie in Mali einen 60mm-Mörser während eines Übungsschießens bedienten. Wie eine Untersuchungskommission später herausfand, waren die Granaten aufgrund von Design-Schwächen instabil geworden und wurden trotz hoher Temperaturen nicht ausreichend gekühlt. Als Folge des Untersuchungsberichtes traten die Verteidigungsministerin Jeanine Hennis-Plasschaert und der Chef der niederländischen Streitkräfte, Tom Middendorp, von ihren Posten zurück.

Lars Hoffmann


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