Beschaffungsvorhaben Leichtes Wirkmittel 1800+
28.08.2018

Beschaffungsvorhaben Leichtes Wirkmittel 1800+


Am heutigen Dienstag hat die Bundeswehr die Beschaffung des leichten Wirkmittel 1800+ eingeleitet. Insgesamt soll eine Serie von 3.100 Lenkflugkörpern für die Spezialkräfte der Bundeswehr beschafft werden. Nach Informationen der ES&T, haben sowohl MBDA als auch EuroSpike im Vorfeld der Ausschreibung Interesse an diesem Vorhaben gezeigt. Einzelheiten zur Initiative und den potentiellen Systemen finden sich im nachfolgenden Beitrag.

Initiative Leichtes Wirkmittel 1800+

Da insbesondere Spezialkräfte Bedarf für einen weiteren Präzisionseffektor jenseits der Reichweite des Wirkmittel 90 hinaus sehen, wurde seitens der Bundeswehr die Initiative „Leichtes Wirkmittel 1800+“ gestartet. Dieses Projekt soll den Spezialkräften des Heeres in jeder Art von bewaffneten Konflikten sowie friedenserhaltenden Maßnahmen in symmetrischen und asymmetrischen Szenarien Feuerüberlegenheit bereitstellen und weltweit eingesetzt werden können.

Gemäß einer Aussage des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr soll das Leichte Wirkmittel 1800+ die eingesetzten Spezialkräfte befähigen, ihren Auftrag in einem Wirkbereich bis über 1.800 Meter unter allen auftretenden Einsatzbedingungen bei Tag und bei Nacht sowie daraus abgeleiteten spezialisierten Aufgaben mit einer hohen Ersttrefferwahrscheinlichkeit zuverlässig, effizient und effektiv durchführen zu können. Das Zielspektrum umfasst sowohl stationäre als auch sich bewegende Ziele, weiche Ziele in und hinter Deckungen sowie in Infrastrukturen, gegen die reaktionsschnell und präzise die erforderliche Wirkung erzielt werden muss.

Auch wenn das Leichte Wirkmittel 1800+ derzeit nur eine Relevanz für die Spezialkräfte der Bundeswehr besitzt, kann davon ausgegangen werden, dass die Waffe im Anschluss an die Beschaffung für Spezialkräfte auch Einzug in weitere Truppenteile der Bundeswehr finden könnte. Eine ähnliche Strategie wurde bereits beim Wirkmittel 90 für alle Beteiligten erfolgreich umgesetzt. Die Streitkräfte bekommen zusätzliche Fähigkeiten der Wirkung. Die höheren Absatzzahlen ermöglichen geringere Stückpreise und wecken Interesse der Industrie, die Waffen weiterzuentwickeln.

Als Zieloptik soll das vom Wirkmittel 90 bewährte Feuerleitvisier Dynahawk von HENSOLDT verwendet werden.

Die Initiative ist so weit fortgeschritten, dass eine Ausschreibung von Seiten der Industrie spätestens für 2019 erwartet wird.

Sowohl MBDA Deutschland als auch die Eurospike GmbH, das in Röthenbach a. d. Pegnitz ansässige Joint Venture von Diehl Defence, Rheinmetall und Rafael, haben passende Lösungen, sodass mindestens zwei Angebote zu erwarten sind. Weitere Hersteller haben derzeit noch kein Interesse an dem Projekt öffentlich bekundet.

Spike SR von EuroSpike

Als kompakte, schultergestützte, Fire und Forget konzipierte Panzerabwehrhandwaffe verfügt der Spike SR (Short Range/kurze Reichweite) über eine Tandemhohlladung mit der nach Angaben des Unternehmens modernste Kampfpanzer mit Reaktivpanzerung zielgenau bis zu einer Entfernung von 1,5 Kilometern erfolgreich bekämpft werden können. Die Fire und Forget-Fähigkeit führt dazu, dass der Lenkflugkörper (LFK) sich nach Aufschaltung auf das Ziel selbstständig ins Ziel lenkt. Somit können auch sich bewegende Ziele exakt bekämpft werden.

Der LFK samt Optik hat ein Gesamtgewicht von unter zehn Kilogramm, ist qualifiziert und bereits in zwei Ländern unter Vertrag. In einem der Länder ist die Spike SR eingeführt und im Einsatz und in einem weiteren Land der NATO in der Einführung.

Der Suchkopf der Spike SR verfügt neben der Zielverfolgungselektronik über eine CMOS-Kamera (Tag/Nacht-Kamera) und einen ungekühlten Infrarotsensor im langwelligen Infrarotspektrum mit einer Auflösung von einem Megapixel. Die CLU (Command Launch Unit) besteht aus einem Bildschirm (Okular) zusammen mit den für die Abfeuerung des Flugkörpers notwendigen Bedienelementen. Sie umschließt das Abschussrohr (Kanister) des Lenkflugkörpers und ist für einmalige oder auch mehrfache Verwendung ausgelegt. Als Zielbild wird auf die Sensorik des Flugkörpers zurückgegriffen.

Dies ermöglicht einen Tag- und Nachteinsatz ohne zusätzliche Nachtsichtoptiken oder Wärmebildzielgeräte. Die Zielverfolgungselektronik führt die Sensordaten für eine höchst stabile Zielverfolgung zusammen.

Die Waffe ist äußerst kompakt, einsatzbewährt und wird stetig weiterentwickelt. Nach Aussagen von Wolfgang Herrnberger, dem neuen Geschäftsführer der EuroSpike GmbH, will man genau diesen Umstand nutzen, um eine angepasste Version der Spike SR auch für die Bundeswehr anzubieten. Diese bei EuroSpike als MELLS 2000+ (Mehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System) bezeichnete Version der Waffe basiert weitestgehend auf der qualifizierten SR. Der Gefechtskopf wird jedoch gegen einen Mehrzweckgefechtskopf Spreng/Splitter ausgetauscht. Dies soll den LFK in die Lage versetzen, Bunker, Stellungen, leicht geschützte Fahrzeuge und Schützengruppen in einem Entfernungsband bis 2.000 Meter zielgenau bekämpfen zu können. Da die Bundeswehr bei der Optik auf die querschnittliche Nutzung des Dynahawk aufbauen möchte, wird dieser die CLU als Abfeuerungseinrichtung teilweise ersetzen. Spezifische Bedienelemente werden notwendig sein, zusätzliche Optronik für den Einsatz bei Nacht wird aber nicht benötigt. Neben Kosten könnte so auch zusätzliches Gewicht eingespart werden.

Enforcer von MBDA

Die Eigenentwicklung von MBDA ist seit geraumer Zeit auf einschlägigen Veranstaltungen und Messen zu betrachten und erfährt so auch international ein reges Interesse. Der Enforcer hat in den letzten Monaten mehrere Meilensteine der Qualifizierung erfolgreich gemeistert. Der Lenkflugkörper ist mit ca. sieben Kilogramm sehr leicht. Er wurde konzipiert, um abgesessenen Kräften eine schnelle und präzise Wirkung auch gegen sich bewegende Ziele in einer Entfernung bis zu 2.000 Metern zu liefern. Unternehmensangaben nach hat MBDA den Lenkflugkörper im Rahmen der Entwicklungsarbeiten bereits mehrmals erfolgreich getestet.

Bei Schießversuchen konnte das multinationale Enforcer-Team mit gelenkten Schüssen auf 1.000 bis 2.000 Meter mehrere sehr genaue Treffer erzielen. Diese Tests bestätigten u.a. die Erwartungen an den Suchkopf, der den Flugkörper jeweils mittig in die Zielscheibe lenkte. Bei einem der Treffer kam ein neues, leichtes Carbon-Startrohr zum Einsatz, das von MBDA Italien entwickelt wurde.

Der Enforcer ist als präziser, leichter und vor allem auch kostengünstiger Kleinflugkörper für den Einsatz bei Infanterie- und Spezialkräften vorgesehen. Er ist bei Tag und Nacht einsetzbar, eignet sich zur Bekämpfung unterschiedlicher statischer und beweglicher Ziele und kann von einem Soldaten transportiert und bedient werden. Der Multi-Effekt-Gefechtskopf ermöglicht Wirkung gegen ungepanzerte, leicht gepanzerte Ziele, einfache Infrastruktur sowie Ziele hinter Deckungen. Durch seine Kompatibilität mit dem Visier des Wirkmittels 90 unterstützt er den Standardisierungsansatz innerhalb der Bundeswehr im Bereich der Hand- und Schulterwaffen.

Um kundenspezifischen Wünschen in puncto Gefechtskopf und sich dem stetig fortlaufenden Rennen zwischen Wirkung und Schutz Rechnung tragen zu können, hat MBDA den Enforcer von Beginn an aufwuchsfähig konzipiert. So wird über den schultergestützten Einsatz hinaus die Entwicklung einer Luft-Boden-Version untersucht.

Dafür wurde ein Semi-Aktiver-Lasersuchkopf (SAL) entwickelt und bereits erfolgreich geschossen. MBDA verfolgt die Absicht, den Enforcer zukünftig so auch für den Einsatz mittels taktischen unbemannten Flugsystemen bzw. leichten Unterstützungshubschraubern bereitzustellen. Hierzu wird der Flugkörper, basierend auf der Infanterievariante, geringfügig angepasst, was durch die Modularität des Designs mit geringem Aufwand zu realisieren ist. Im Gegensatz zu lasergelenkten 70-mm-Raketen hätte der Enforcer den Vorteil einer deutlich höheren Reichweite und der Fähigkeit, Ziele auch bei hohen Winkeln jenseits der Flugachse des Luftfahrzeugs (beispielsweise drei Uhr in Flugrichtung) treffgenau bekämpfen zu können. Zu diesem Zwecke bekommt der Flugkörper eine Vorabinformation der Zielposition in Relation zur eigenen Lage und Flugrichtung. Die moderne Lenk- und Navigationseinheit richtet den Flugkörper nach Abschuss auf das Ziel aus. Die finale Führung übernimmt der SAL-Suchkopf in Verbindung mit der Laserbeleuchtung des Zieles durch das Luftfahrzeug bzw. Bodenkräfte.

Dies ist ein Auszug aus dem Artikel „Rückstrahlzone frei, Achtung ich schieße! – Schultergestützte Infanteriebewaffnung für die Bundeswehr“ von Waldemar Geiger der in der Septemberausgabe der Europäischen Sicherheit und Technik erscheint.


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