60 Jahre Deutsche Schnellboote – Eine Ära geht zu Ende
16.11.2016

60 Jahre Deutsche Schnellboote – Eine Ära geht zu Ende


Heute um 9.00 Uhr fand in Warnemünde die Außerdienststellung der letzten vier deutschen Schnellboote – S 73 Hermelin, S 75 Zobel, S 76 Frettchen und S 80 Hyäne – durch den Kommandeur des 7. Schnellbootgeschwaders, Fregattenkapitän Jörn Rühmann, statt. Ab 11.00 Uhr folgte die Außerdienststellung des 7. Schnellbootgeschwaders durch den Befehlshaber der Flotte, Vizeadmiral Rainer Brinkmann. Die erfolgreiche Ära der deutschen Schnellboote geht somit zu Ende.

Im Zweiten Weltkrieg waren die deutschen Schnellboote zuletzt die einzigen Überwassereinheiten, die noch an allen Fronten kämpften und trotz erdrückender Überlegenheit des Gegners auch immer wieder Erfolge erzielten. Aufgrund dieser Erfahrung spielten S-Boote bei den Überlegungen einer Wiederbewaffnung der Bundesrepublik sowohl auf deutscher wie auf alliierter Seite eine wichtige Rolle.

Deutschland rechnete vorerst mit 36 Booten (Himmeroder Denkschrift), bei den Verhandlungen über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) war dann die Planzahl 60 Boote. Als die Bundesrepublik nach dem Scheitern der EVG der NATO beitrat wurden von dort 40 Boote gefordert.

 

Die Geburtsstunde

 

Der 29. Juni 1956 war die Geburtsstunde der neuen Schnellbootswaffe. An diesem Tag wurden in Kiel die ersten drei Sturmmöwe Boote für das Schnellboot-Lehrgeschwader in Dienst gestellt. Bei der anschließenden Fahrt in See erklang erstmals nach 1945 wieder beim Passieren des Ehrenmals Laboe zu Ehren der auf See Gebliebenen das Signal „Front nach Steuerbord“.

Die Boote waren von der Lürssen Werft gebaut und von der Royal Navy in Besitz genommen worden, um unter dem Kommando von Kptlt. a.D. Hans-Helmut Klose für den britischen Geheimdienst M I 6 „Aufklärung“ in der Ostsee zu betreiben. Danach erfolgte dann die Übergabe an die deutsche Marine.

Wenig später folgten drei weitere Boote des gleichen Typs, die für den Grenzschutz gebaut worden waren. Später erhielt das 1. Schnellbootgeschwader, wie es dann bezeichnet wurde, noch jeweils zwei Versuchsboote des norwegischen Typs Nasty und des britischen Typs Brave/Ferocity, die sich aber gegenüber den anderen Booten nicht bewährten.

Ab Mitte 1957 liefen die ersten Boote der auf der Lürssen Werft entwickelten Jaguar Klasse zu. Jeweils zehn Boote mit einem Tender wurden dem 3. und 5. Schnellbootgeschwader zugeteilt. Baugleiche, aber mit anderen Motoren ausgestattete Seeadler Boote gingen zum 2. Geschwader und zehn Boote der Zobel Klasse, leicht modifiziert mit veränderter Brücke und ABC-Schutz, bildeten das 7. Geschwader, während das 1. Geschwader mit den alten Booten außer Dienst gestellt wurde.

Innerhalb von sechs Jahren waren alle geforderten 40 S-Boote einsatzbereit. 30 davon baute die Lürssen Werft, die anderen zehn Kröger in Rendsburg.

 

Neue Boote – alte Waffen

 

In der Zeit des Kalten Krieges hatte die Bundesmarine zwei Kernaufgaben. Die erste war der Beitrag zur Vorneverteidigung. Dabei galt es, dem Warschauer Pakt überholende Landungen in den Rücken der europäischen Verteidigung und das Aufbrechen der Ostseeausgänge zu verwehren. Die zweite war der Beitrag zur Sicherung der Seeverbindungswege von Nordamerika nach Europa, um die Zuführung der zweiten strategischen Staffel der Sowjetunion durch rechtzeitiges Eintreffen von Verstärkungen und Nachschub auszubalancieren.

Für die erste Aufgabe leisteten die Schnellboote einen herausragenden Beitrag. Im Sinne maritimer Vorneverteidigung sollten Schnellboote, U-Boote und Marinejagdbomber über See angreifende Verbände abfangen und in laufenden Gefechten soweit abnutzen, dass eine Landung an der eigenen Küste nicht mehr durchgeführt werden konnte.

Das war für die S-Boote ein riskantes Unterfangen, denn sie waren alle noch mit dem veralteten Torpedo G7a, der schon im 2. Weltkrieg zur Standardbewaffnung der Schnellboote gehört hatte, ausgerüstet. Masseneinsätze von Torpedos, koordiniert mit der Torpedo-Taktischen-Rechenscheibe (TTR), sollten Erfolge bringen, doch die geringe Reichweite des Torpedos erforderte eine Annäherung bis auf drei bis vier Seemeilen an die Ziele, also ein hineinlaufen in konzentriertes Abwehrfeuer. Die für solchen koordinierten Ansatz und Einbruch notwendigen engen Formationen mit hohen Geschwindigkeiten bestimmten das Ausbildungs- und Übungsverhalten jener Jahre.

Von 1969 – 1972 wurden die Zobel Boote auf drahtgelenkte Torpedos und radargesteuerte Artillerie umgerüstet. Dies erlaubte taktische Ansätze außerhalb der gegnerischen Artilleriereichweite sowie gezielte Angriffe ausgewählter Ziele, allerdings war auch damit noch keine Überlegenheit zu erzielen, denn die Schiffe und Boote des Warschauer Paktes waren zu dieser Zeit schon weitgehend mit Raketen großer und mittlerer Reichweite ausgestattet.

In dieser Situation gelang es dem Systembeauftragten für S-Boote im Führungsstab Marine, den Kauf von 20 Booten in Frankreich als Ersatz für die inzwischen abgefahrenen Boote der Jaguar Klasse durchzusetzen. Ab 1972 liefen die Boote der Tiger Klasse zu, zuerst für das 3. Schnellbootgeschwader und ab 1974 für das 5. Schnellbootgeschwader. Aufgrund der Sorge, von politischer Seite zu von der Marine nicht gewollten Namen gezwungen zu werden, wurden die Neubauten mit Nummern – beginnend mit S 41 – bezeichnet. Auf Wunsch der Truppe wurden im Dezember 1981 wieder die alten Namen aktiviert. Seitdem trugen die Boote offiziell eine Kombination aus Nummer und Name wie "S 41 TIGER", im täglichen Umgang setzte sich jedoch der Name durch.

 

Neue Boote – neue Fähigkeiten

 

Mit diesen Flugkörpern tragenden Booten erweiterten sich die taktischen Möglichkeiten. Allerdings fehlte die im Duell der Flugkörper so unabdingbare elektronische Unterstützung - der Kampf aus der Küste, den laying-up-positions, war daher bevorzugte Taktik.

Mit dem Zulauf der Albatros (1976) und Gepard Boote (1982), ihrem automatisierten Gefechts- und Informationssystem (AGIS), dem Datenübertragungssystem Link 11, der Kombination von Flugkörpern und drahtgelenkten Torpedos bzw. Minen, verbesserter Flugabwehr sowie Anlagen zur elektronischen Kampfführung war nun die Möglichkeit gegeben, auch auf dem Gefechtsfeld Ostsee wieder taktisch offensiv zu operieren. Die hohe Geschwindigkeit der Boote mit 36 – 38 kn war jetzt wichtig zur raschen Schwerpunktbildung, um zeitlich und örtlich begrenzte Überlegenheit herzustellen, im taktischen Einsatz war sie vernachlässigbar, es wurde nicht mehr mit der Schnelligkeit sondern mit dem Wirkkreis der Flugkörper operiert.

Ursprünglich waren jeweils zwei Tender für ein Geschwader geplant, das wurde aber nur teilweise umgesetzt, da einige bereits als Schulschiffe benötigt wurden. Mit der Zuführung neuer Boote änderte sich aber auch das Materialerhaltungskonzept und Systemunterstützungsgruppen (SUG) wurden eingeführt.

Diese SUGs bestanden aus Spezialisten für die jeweilige Klasse, waren in einzelne Trupps gegliedert (z.B. Waffen, Technik, Führungsmittel etc.) und verfügten auf dem dazu umgebauten Tender über Spezialwerkstätten sowie ein umfangreiches Ersatzteillager. Damit hatte jedes Geschwader nur noch einen, den SUG-Tender. Die vier so bei der Schnellbootsflottille verbliebenen Tender der Rhein-Klasse wurden in den Jahren 1992 - 94 nach rund 30 jährigem Einsatz außer Dienst genommen und durch die neuen Tender der Elbe Klasse ersetzt.

 

Neuer Standort, neue Einsätze und Abbau

 

Mit der Auflösung des Ost-West-Konfliktes und der deutschen Vereinigung waren große Veränderungen für den Verband verbunden. Die "Armee der Einheit" forderte eine Bundeswehr für ein Deutschland mit der Folge, dass die bisher auf das Gebiet der alten Bundesrepublik konzentrierte Schnellbootflottille neu zu stationieren war. Am 4. Oktober 1994 bezog die Flottille den neuen Stützpunkt Warnemünde, der zum Typstützpunkt für Schnellboote bestimmt worden war. Hier hatte vorher die 4. Flottille der Volksmarine der DDR gelegen. Einen Monat später folgte das 2. Schnellbootgeschwader von Olpenitz und im Dezember 1995 das 7. Schnellbootgeschwader von Kiel. Damit war die Verlegung abgeschlossen. Das Gesicht des Stützpunktes hatte sich in dieser Zeit durch Renovierungen und Neubauten deutlich verändert. Ebenso wurde der Hafenbereich mit einer Wassertiefe von sieben bis acht Metern und der Süd-Mole mit integrierter Munitionsumschlagpier sowie der Süd-Ost-Mole ausgebaut.

Dann folgte die Reduzierung der Bundeswehr, zuerst auf 370, dann auf 340.000 Mann und es ging weiter abwärts. Auch die Schnellboote zahlten ihren Tribut. 1998 stellte das 3. und 2002 das 5. Schnellbootgeschwader außer Dienst. 2006 traf es dann das 2. Schnellbootgeschwader, gleichzeitig wurde nach fast 50 Jahren die Schnellbootsflottille zusammen mit den anderen Bootsflottillen aufgelöst. Die Geschwader traten jetzt unter den Befehl der neu aufgestellten Einsatzflottille 1.

Aber nicht nur Standortveränderungen und Reduzierungen waren mit dem Ende des Kalten Krieges verbunden, auch das Ausbildungs- und Manöverprofil änderte sich. Über 40 Jahre hatte sich zwischen den norwegischen, dänischen und deutschen S-Booten eine „fpb-family“ entwickelt. In dem jedes Jahr stattfindenden BOLD GAME wurde gemeinsam geübt, neue Taktiken und Verfahren erprobt und in den Häfen des jeweiligen Gastlandes für ein gegenseitiges Verständnis geworben. Das war besonders in den ersten Jahren bedeutsam, gab es doch in Dänemark wie auch in Norwegen noch viele Ressentiments in der Bevölkerung gegenüber deutschen Soldaten.

Jetzt traten neue Partnerschaften mit den Marinen des früheren Gegners hinzu. Gemeinsame Übungen bestimmten das Bild, aber es ging auch in bislang nicht befahrene Gebiete wie das Mittelmeer oder das nördliche Norwegen. Dann kamen die ersten Einsätze. 2002 übernahmen S-Boote und Tender für sechs Monate zusammen mit Einheiten anderer Länder die Kontrolle des Seegebietes am Horn von Afrika gegen dort operierende Piraten. Von Oktober 2003 bis Mai 2004 waren Boote in der Straße von Gibraltar eingesetzt, um den internationalen Schiffsverkehr gegen terroristische Angriffe zu schützen. Im Oktober 2006 begann der maritime Anteil von UNIFIL mit der Überwachung des Seeverkehrs vor dem Libanon. Bis 2016 sollten S-Boote hier, abwechseln mit anderen Einheiten, unter der Flagge der Vereinten Nationen eingesetzt sein.

Jetzt ist auch dieser Einsatz beendet und für das 7. Schnellbootgeschwader mit seinen noch verbliebenen Booten heißt es am 16. November 2016 endgültig „Hol nieder Flagge und Wimpel“. Dann werden in Warnemünde noch das 1. Korvettengeschwader mit fünf Einheiten und Boote der Küstenwache stationiert sein. Zeugnis von 60 Jahren deutscher Schnellboote werden künftig nur noch die Militärgeschichtliche Sammlung der Schnellboote in der Kasernenanlage Hohe Düne in Warnemünde sowie S 71 GEPARD im Deutschen Marine Museum in Wilhelmshaven ablegen.

 

Nachfolger: Korvetten

 

Den Auftrag der Schnellboote übernehmen jetzt die Korvetten, ausgestattet mit besserer Seefähigkeit und längerer Seeausdauer. Es ist dennoch zu fragen, ob die Marine angesichts der gewandelten strategischen Lage mit der wieder in den Vordergrund getretenen Aufgabe Bündnis- und Landesverteidigung gut beraten ist, langfristig auf das bewährte Waffensystem Schnellboot zu verzichten.

Ein Seekriegsmittel, welches sich gerade für die Randmeerkriegsführung aufgrund hoher Durchsetzungsfähigkeit gegenüber Bedrohungen von See, aus der Luft und von Land besonders eignet und welches darüber hinaus auch noch kostengünstig im Vergleich zu großen Einheiten ist, sowohl von der Beschaffung wie auch vom Betrieb her, und daher auch in höherer Stückzahl in die Nutzung gehen könnte. Aber auch mit einem zweiten Los der inzwischen bewährten Korvetten ließe sich zumindest mittelfristig die Komponente der Randmeerkriegführung wieder stärken.

 

Vizeadmiral a.D. Hans Frank


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